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Schon die Neandertaler jagten Löwen

Schon die Neandertaler jagten Löwen

50.000 Jahre altes Höhlenlöwenskelett liefert ältesten Beleg für die Jagd auf Großraubtiere

Riskante Beute: Die Neandertaler wagten sich sogar an den König der eiszeitlichen Raubtiere heran – den Höhlenlöwen. Das belegt ein 50.000 Jahre altes Höhlenlöwen-Fossil aus Bayern, das eine von einem Holzspeer durchbohrten Rippe aufweist. Es ist der älteste direkte Nachweis für die Jagd auf Großraubtiere in der Menschheitsgeschichte, wie Archäologen berichten. Funde von Löwenpfoten mit Schnittspuren in einer Höhle im Harz legen zudem nahe, dass die Neandertaler schon vor 190.000 Jahren das Fell von Löwen nutzten.

Er war der Top-Prädator der Eiszeit und 200.000 Jahre lang das gefährlichste Tier Eurasiens: Der Höhlenlöwe war mit 1,30 Meter Schulterhöhe und mächtigen Eckzähnen ein furchterregendes Raubtier. Der Fleischfresser jagte große Pflanzenfresser wie Mammut, Bison und Pferd und selbst der wehrhafte Höhlenbär gehörte zur Beute.

Schädel und Knochen des Höhlenlöwen aus Siegsdorf in Bayern. Die mächtigen Eckzähne des gefährlichen Fleischfressers sind gut zu erkennen.© Volker Minkus/ Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
 

Kein Wunder, dass der vor rund 45.000 Jahren nach Europa einwandernde Homo sapiens von diesem Tier ebenso erschreckt wie fasziniert war: Unsere Vorfahren zeichneten ihn in ihren Höhlenmalereien und schnitzten Löwenfiguren aus Mammutelfenbein – sie gehören zu den ältesten Kunstwerken der Welt. Erst am Ende der Eiszeit, vor rund 12.000 Jahren, starb der Höhlenlöwe aus.

Verräterische Schäden an einer Höhlenlöwen-Rippe

Doch wie sah es mit den Vorgängern des Homo sapiens in Europa aus – den Neandertalern? „Neandertaler waren effiziente Jäger und standen ebenfalls an der Spitze der eiszeitlichen Nahrungskette. Sie konkurrierten mit dem Höhlenlöwen um Beute“, erklären Gabriele Russo von der Universität Tübingen und dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und ihre Kollegen. Unklar blieb jedoch, ob der Neandertaler es auch wagte, die Höhlenlöwen direkt anzugreifen und zu jagen. Bisherige Funde von Löwenknochen im Umfeld von Neandertaler-Lagern ließen offen, ob die Eiszeitmenschen das Raubtier selbst getötet hatten oder nur seine Kadaver nutzten.

Jetzt schafft ein Höhlenlöwen-Fossil aus Siegsdorf in Bayern Klarheit. Als Russo und ihr Team das bereits 1975 gefundenen Skelett dieses Löwen untersuchten, fielen ihnen Beschädigungen an einer der Rippen des Tieres auf. Es handelte sich um eine runde Grube, die bis zur Hälfte in den Rippenknochen eingedrungen war, sowie mehrere Kerben.

Löwenjagd mit dem Holzspeer

Doch woher stammte diese Verletzung? „Eine Vergleichsanalyse dieser Punktur mit den Zahn- und Bissspuren großer Raubtiere ergab, dass diese Grube größer ist als die typischen Bissspuren“, berichten die Forschenden. „Die Siegsdorf-Punktur ist zudem merklich tiefer als die Zahnspuren, die moderne Löwen und Hyänen auf großen Säugetierknochen hinterlassen.“ Die Merkmale des umliegenden Knochens deuteten zudem darauf hin, dass diese Wunde nicht erst nach dem Tod des Höhlenlöwen zugefügt wurde.

Stattdessen stammt diese Verletzung des Löwen wahrscheinlich von einem Speerstoß – zugefügt vor rund 48.000 Jahren von dem Holzspeer eines Neandertalers. „Der Löwe wurde wahrscheinlich durch den Stoß mit einem Speer in den Brustraum getötet, als er bereits am Boden lag“, sagt Koautorin Annemieke Milks von der University of Reading. Die länglichen Schnittkerben an den Löwenrippen legen nahe, dass die Neandertaler das Tier dann ausweideten und schlachteten

Damit belegt das Höhlenlöwenfossil aus Bayern erstmals, dass die Neandertaler sich auch an lebende Höhlenlöwen heranwagten und sie mit ihren Holzspeeren töteten. „Es ist der älteste direkte Beleg für die Tötung eines großen Raubtiers in der menschlichen Geschichte“, schreiben die Forschenden.

Neandertaler-Jäger beim Enthäuten eines Höhlenlöwen..© Julio Lacerda/ Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
 

190.000 Jahre altes Löwenfell mit Krallen

Ein weiterer Fund aus der Einhornhöhle im Harz belegt zudem, dass die Felle der Höhlenlöwen schon deutlich früher von den Neandertalern genutzt und wertgeschätzt wurden. Bei dem Fund handelt es sich um mehrere rund 190.000 Jahre alte Fußknochen von Höhlenlöwen, die etwa 30 Meter vom heute verschütteten Höhleneingang entfernt entdeckt wurden. Bei der Untersuchung der Überreste fiel Russo eine Schnittspur an einem der fossilen Zehenknochen auf.

Die Ausrichtung der Schnitte deutet darauf hin, dass die Neandertaler diesem Löwen einst das Fell abzogen, dabei aber die Füße mit den Krallen dranließen – ähnlich wie noch heute bei der Präparation von Tierfellen zu Ausstellungs- oder Repräsentationszwecken. Wie die Forschenden berichten, wurde das Fell wahrscheinlich außerhalb der Höhle präpariert und dann eigens dorthin gebracht. Das könnte darauf hindeuten, dass diese Felle als Statussymbol oder auch als Fellunterlage des Lagers dienten.

Der Fund ist der älteste Beleg für die Verwendung von Löwenfellen durch den Neandertaler. „Der Wunsch, mit dem Fell dieses gefährlichen Tieres Respekt und persönliche Kraft zu gewinnen, wurzelt allem Anschein nach bereits in der Zeit des Neandertalers, und bis heute gilt der Löwe als herrschaftliches Symbol“, erklärt Koautor Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.

Ähnlichkeiten mit dem Homo sapiens

Ob die Neandertaler auch diesen Höhlenlöwen vor rund 190.000 Jahren schon selbst erlegt hatten oder nur einen Kadaver nutzten, bleibt vorerst offen. Russo und ihr Team halten es allerdings für durchaus wahrscheinlich, dass die Neandertaler auch schon damals über die Fähigkeit verfügten, das gefährliche Raubtier zu jagen. „So wie später der Homo sapiens waren auch die Neandertaler schon dazu fähig, mit nichtmenschlichen Prädatoren wie den Höhlenlöwen zu interagieren“, konstatieren die Forschenden.

Dies gelte sowohl im Sinne einer Nutzung als Beute wie auch in kultureller Hinsicht. „Ungeachtet der Frage, wozu die Löwenfelle dem Neandertaler diente, unterstreicht ihre Verwendung die Bedeutung dieses Tieres für die Neandertaler-Gesellschaften“, schreiben Russo und ihre Kollegen. (Scientific Reports, 2023; doi: 10.1038/s41598-023-42764-0)

Quelle: Scientific Reports, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege